Fallbeispiel Depression (Quelle: Prof. Dr. Ruppert)

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Symptome und Verlauf einer Depression – ein Fallbeispiel

Kasten 1: “Meine Gedanken kreisen nur noch um mich”
Anne ist eine dreißigjährige Lehrerin an einer Schule für Behinderte in einer deutschen Groß­stadt. Sie lebt seit einem Jahr mit ihrer Freundin Monika zusammen. Vor kurzem hatte sich nach siebenjähriger Beziehung Stefan, ein gleichaltriger Lehrer, von ihr getrennt. Annes Vater war Gymnasialprofessor, Anne schildert ihn als jähzornig, autoritär, sarkastisch, ehrgeizig, sehr moralisch und in vieler Hinsicht extrem (Liebe zur Kunst, fanatische Sportleidenschaft). Die Mutter sei aufopfernd, warmherzig, gutmütig, aber auch streng, oft angestrengt und ge­hetzt gewesen. Anne hat zwei ältere Schwestern. Ihre um sieben Jahre ältere Schwester Bri­gitte bot mütterlichen Rat und Schutz. Ihre um fünf Jahre ältere Schwester Nora war Vertraute und Freundin. Anne und Stefan hatten auch nach der Trennung einen gemeinsamen Freundes­kreis, so dass sie sich immer wieder trafen. Im folgenden Auszüge aus Annes Tagebuchauf­zeichnungen:

4. Juni
Was hat dieses nächtliche Baden bloß bei mir wachgerufen? … Warum bin ich nur nicht bei der Gruppe geblieben und habe mich stattdessen an Stefan gehalten, der immer weiter hinaus­schwamm, ausgerechnet an Stefan, dem ich sowieso die längste Zeit lästig war, wenn ich ihn brauchte? Der sich oft über meine Anhänglichkeit und Unselbständigkeit beschwerte? Jetzt fühlte ich mich wirklich total abhängig von ihm, musste in seiner Nähe bleiben, weil ich’s alleine nicht schaffte. Verzweifelt versuchte ich, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, mich über Wasser zu halten und ruhig zu bleiben. Allmählich ließen meine Kräfte nach, ich fühlte mich wie gelähmt. Warum dreht Stefan sich nicht endlich um? Aber ich durfte ihn unter keinen Um­ständen um Hilfe rufen! Nein, diesmal musste ich es wirklich alleine schaffen, auch wenn ich verrückt werde. … Dann war plötzlich Christa bei Stefan, und ich sah und hörte sie herum­schäkern und Zärtlichkeiten austauschen. Mein Gott, wäre ich doch bloß an Christas Stelle, wäre ich in Stefans vertrautem Schutz! Oder wäre doch wenigstens Rosi da und ich könnte mich an ihr festhalten. …
Mit Stefan geht’s mir also offensichtlich immer noch nicht besser. Wenn’s mir schlecht geht, weine ich ihm nach, sehne mich nach seiner Nähe und möchte mich ihm mit meinen Sorgen an­vertrauen. Ich habe grenzenloses Vertrauen zu ihm; er kennt mich, und ich habe die Phantasie, dass er es ist, der mich auffangen kann. In guten Zeiten spüre ich nicht mehr als eine gute Freundschaft zu ihm – als hätte ich unsere Beziehung endlich überwunden und bräuchte ihn nicht mehr.

6. Juni
Abende lang, tagelang sitze ich stumm grübelnd herum- ich suche immer noch nach einer Be­gründung für diese Panik, das Gefühl des Ausgeliefertseins, Gelähmtseins. Eine Macht, die mich bestimmt und die ich nicht beeinflussen kann, gegen die ich mich nicht einmal wehren kann. …

21. Juli
Fast drei Wochen habe ich überhaupt nichts mehr geschrieben – das Schlimmste ist eingetrof­fen: Inzwischen bin ich total verstummt, kann mich überhaupt nicht mehr artikulieren, bin taub und blind, um mich herum nur Nebelschwaden. Ich weiß nichts mehr, weiß nicht, was ich habe, was mit mir los ist. Tränen brechen “nur” ab und zu völlig unberechenbar aus mir heraus, unkontrolliert und unkontrollierbar. Ich bin meinen Stimmungen ausgeliefert. Meine Ängste konzentrieren sich nur noch um diese Stimmungen, ich finde keine Ausdrucksmöglichkeiten mehr. Ich bin immer mehr in mir selbst gefangen – ich hätte nicht geglaubt, dass es immer noch eine Steigerung gibt. Ich weiß niemanden, der mich verstehen könnte – ich kann mich nur noch verstecken. Heute habe ich das “Knotenmänner-Buch” zu Ende gelesen. Ein wahnsinnig de­primierendes Buch, voller Hoffnungslosigkeit, niederdrückend. Weil meine Stimmungen und Tränenausbrüche so unberechenbar sind, habe ich Angst, mit den anderen nicht in Urlaub fah­ren zu können. Ich kann’s ihnen so nicht zumuten, ich würde ihnen nur zur Last fallen. Einer­seits erwarte ich Verständnis, ja Rücksicht auf mein unberechenbares Verhalten, so als ob ich krank wäre, andererseits befürchte ich, nicht ernstgenommen zu werden. Ich habe keinerlei Perspektive, weder privat noch beruflich. …
Ich fühle mich meinem Beruf, den Kindern und Eltern nicht mehr gewachsen. Wie kann ich diesen behinderten Kindern eine Stütze sein, mit den teilweise ganz aufgelösten Eltern Ge­spräche führen, wenn ich selbst fast am Durchdrehen bin bzw. die Probleme der anderen auf mich beziehe? Dabei wollte ich doch immer noch eine kinderpsychotherapeutische Zusatz­ausbildung machen – was soll ich denn damit? Ich kann mir ja selbst nicht helfen. …

7. August
Eine ganze Woche lang war Mami da. Und wieder das übliche Gefühl, wenn sie wieder weg ist: Ich habe nicht genug für sie getan. …sie ist so eine liebe Frau. Ihre unglaubliche Geduld und wohlwollende, ausgleichende Art.
Zu meiner Schwester Brigitte spüre ich in letzter Zeit eine sehr starke Verbundenheit. … Ich hab das Vertrauen, mich auch mal fallen lassen zu können. Sie kennt von sich selbst ähnlich schlimme Zeiten.

14. August
Das war das langersehnte Wochenende in Hamburg, bei Sabine und Wolfgang. Ich hab’s über­standen. Meine Empfindungsfähigkeit ist halt doch noch um eine weitere tiefe Stufe herunter­gerutscht. Was ich früher in vollen Zügen genossen, in allen Schattierungen ausgelebt hätte, bleibt jetzt an der unteren Grenze des Mittelmäßigen oder gar nur noch Erträglichen. Und wenn’s dann nicht mehr zu ertragen ist, schießen die Tränen. Gut – wir haben viel geredet, aber von mir, von meiner derzeitigen Situation wurde ich nur wenig los. … Ich habe jetzt häufiger das Gefühl, dass Ansprüche, Erwartungen an andere immer mehr schwinden. Ich kann mich selbst so wenig verstehen, was kann ich dann von anderen erwarten. … Ich kann nur noch von einer Stunde auf die andere leben. Was morgen mit mir ist, kann ich überhaupt nicht einschät­zen und verliert auch an Bedeutung. Mir geht’s nur noch darum, und es ist mein einziges An­liegen geworden, wie ich jede Stunde, jeden Tag überstehe – es ist morgens mein erster Ge­danke nach dem Aufstehen. Ich suche den Tag hinauszuzögern, zu verkürzen, noch nicht auf­zuwachen, möglichst lange zu schlafen. Abends dagegen bleibe ich lange auf, als ob ich damit die Zeit bis zum nächsten Morgen verlängern könnte. Es soll nicht morgen werden! Es gibt keine Freude mehr.

15. August
Gestern war ich mit Mike zusammen, seit drei Monaten wieder einmal. Ab und zu treffen wir uns, haben dann ein ähnlich starkes Bedürfnis nach körperlicher Nähe – und auch einfach da­nach, wieder einmal zu reden. Gestern redete er wie ein Wasserfall, ich war jedoch ganz froh, von mir nicht viel sagen zu müssen. Dafür erlebte ich seine Berührung, seine Wärme um so wohltuender – dass es überhaupt noch möglich ist für mich, jemanden so nahe an mich heranzu­lassen und ihn wohlig zu spüren! Besonders spürbar ist für mich leider auch wieder geworden, wie alleine, wie isoliert ich bin. Ich will einfach nicht alleine leben – ich habe zur Zeit aber keine andere Perspektive. Ich fühle mich jetzt auch von Monika abgelehnt, nicht verstan­den.

(mit geringfügigen Änderungen entnommen aus: S. Sulz. 1985. Verständnis und Therapie der Depression. S. 17 ff. München: Ernst Reinhardt Verlag.)

Worin kommt die depressive Symptomatik der Lehrerin Anne im Fallbeispiel zum Ausdruck?
– Sie sitzt tagelang stumm grübelnd herum.
– Sie zieht sich immer mehr zurück.
– Sie fühlt sich ihren Stimmungen ausgeliefert und wie gelähmt.
– Sie erlebt alles zunehmend grau in grau.
– Sie fühlt sich beruflich wie privat überfordert.
– Sie meint, sich “überhaupt nicht mehr artikulieren” zu können.
– Sie weint unkontrolliert los.
– Sie meint, nur noch von Stunde zu Stunde zu leben.
– Sie verliert immer mehr ihr Selbstwertgefühl.

Ihr Verhalten wirft eine Vielzahl von Fragen auf: In welche Art von Angstzustand gerät sie in dieser Badesituation? Weshalb verbietet sie es sich selbst, den Exfreund um Hilfe zu rufen? Warum will sie es “wirklich alleine schaf­fen”? Wieso sucht sie nach “grenzenlosem Vertrauen” und phantasiert sich jemand, der sie “auf­fangen” kann? Warum fühlt sich von niemandem verstanden? Wieso beschweren sich mittlerweile auch andere (ihr Exfreund Stefan) über ihre “Unselbständigkeit und Anhänglichkeit”?
War die Trennung von ihrem Freund der Grund ihrer Depression oder war ihre Depression die Ursache für die Trennung? Wieso liest Anne auch noch deprimierende Bücher? Warum findet sie keinen Trost bei ihrer Mutter, wenn diese doch so „lieb“ und „wohlwollend“ ist? Wie fügen sich die Eigenschaften ihrer Mutter, einerseits aufopfernd, warmherzig, gutmütig, andererseits aber streng, angestrengt und gehetzt zu einem Bild? Weshalb glaubt sie, für ihre Mutter nicht genug getan zu haben?

Was sich aus diesem Fallbeispiel bereits ersehen lässt: Die in der Badesituation beschriebene Angst hat wenig mit der Angst zu tun, unterzugehen und zu ertrinken. Sie ist keine unmittelbar existentielle Angst. Sie kann eher als die Angst vor dem Alleine- und Verlassensein verstanden werden. Und wenn man diese Verlassenheitsangst zum Ausgangspunkt nimmt, wird vieles, was daraus folgt, verständlicher. Der intensive Wunsch nach Nähe und Geborgenheit, die Befürchtung, andere damit zu überfordern und die Hoffnungslosigkeit, diese Nähe und Geborgenheit niemals erreichen zu können. Wie aber entsteht dieses Gefühl von Verlassenheit und warum wird es nicht wirklich überwunden durch den Kontakt zu anderen Menschen?

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